Wunden & Wunder von Golgatha
Ihre Augen weiten sich vor Schreck. Erst schlägt sie ihre Hände vor ihr Gesicht, dann vor den Mund. Trotzdem ist zu hören, dass sie halblaut vor sich hinspricht: „Das dürfen die nicht! Das geht doch nicht! Warum macht denn keiner was?!“ Und schließlich laufen ihr Tränen über das Gesicht.
Sie ist Patientin einer Klinik für Menschen mit psychischen Erkrankungen und seelischen Behinderungen. Sie besucht dort den Gottesdienst am Karfreitag. Und reagiert erschüttert, als aus dem Tagesevangelium die Kreuzigung Jesu vorgelesen wird. So, als höre sie davon zum ersten Mal. Mehr noch: Als würde sie in diesem Moment direkt unter dem Kreuz Jesu stehen.
Durch ihre hör- und sichtbare Reaktion auf sieaufmerksam geworden, bin ich in Gedanken bei ihr. Stelle mich an ihre Seite. Und nehme so den Gekreuzigten neu in den Blick: Er wird für mich zum Sinnbild zerbrochener menschlicher Lebenspläne. Seine Wundmale kann ich als wunde Punkte deuten. Die wunden Punkte meines Lebens. Die Verletzlichkeit Gottes entdecke ich für mich als Teil des Wunders von Golgatha.
Für seine Peiniger, Feinde und Kritiker, die Jesus aufs Kreuz gelegt haben, ist das Wunder ausgeblieben. Weil Jesus nicht triumphierend vom Kreuz gestiegen ist. Stattdessen ist er, mit dem Schrei einesVerzweifelten auf den Lippen, qualvoll gestorben.
Genau das ist für mich das Wunder: Dass Jesus nicht seine göttliche Trumpfkarte ausspielt, sondern seine Menschlichkeit bis zum bitteren Ende durchhält. Gerade durch seine Verletzlichkeitund seine Verwundbarkeit überzeugt Gott. Mich.
Ich entdecke das Wunder von Golgatha in den Wunden Jesu. So, wie es in dem damals bereits jahrhundertealten Lied vom leidenden Gottesknecht beschrieben wird: „.. durch seine Wundensind wir geheilt.“ (Jesj. 53,5) Das ist gesagt und aufgeschrieben im Hinblick auf unsere Untreue, unsere Gleichgültigkeit,unseren Ungehorsam – unsere Schuld. Das gilt aber ganz genauso auch für unsere Verletzungen, unsere wundenPunkte, unsere gebrochenen Biografien.
Dass ich mich dafür nicht schämen muss, sehe ich an den Wunden Jesu. WennGott uns seine Verletzlichkeit so deutlich zeigt, dann darf ich mich auch zu meinen Verletzungen oder zu meinerwunden Seele bekennen. Ich brauche sie nicht verstecken, verdrängen oder überspielen. Gott versteht mich, denn: „.. durch seine Wunden sind wir geheilt.“(Jesj. 53,5)
Mich tröstet das. Und lässt mich Mut fassen, es zu wagen, auch mit Menschen, meinen Mitmenschen, über die wunden Punkte und den Zerbruch in meinem Leben zu reden. MenschlicheLebenspläne sind am oder unter dem Kreuz Jesu zerbrochen. Gottes Plan jedoch hat sich erfüllt, ist drei Tage spätervollendet worden. Als sich am Ostermorgen die Lebensfreude gegen die Lebensangst durchgesetzt hat. Weil eine Begegnung mit dem Auferstandenen die wunden Herzen der zu Tode Betrübten heilt. Begegnungen mit demAuferstandenen werden durch verschiedenste Angebote in den Gemeinschaften unseres Verbandes für kleine und große Menschen möglich.
Unsere Gemeinschaften können Orte sein, an denen gelebte Mitmenschlichkeit dazu einlädt und ermutigt, über Verletzungen, wunde Punkte und Enttäuschungen ins Gespräch zu kommen. Miteinander und mit Gott. Manchmal kann dabei auch externe Hilfe besonders geschulter Mitarbeiter:innen hilfreich oder notwendig sein.
Damit der Verband Gemeinschaften mit entsprechenden Angeboten begleiten und unterstützen kann, sind wir auf Ihre finanziellen Zuwendungen angewiesen. Wir sagen Ihnen von Herzen Dank für jede Form von Unterstützung.
Ihre Annette Köster & Gerhard Stolz